Heilendes Potential der Achtsamkeit

Interview mit Dr. Linda Lehrhaupt

aus Buddhismus aktuell - 1,2007

Das Stressniveau in der modernen Gesellschaft steigt zunehmend an. Stress verursacht viele Krankheiten und Konflikte, belegt die Wissenschaft. Linda Lehrhaupt hilft mit dem Achtsamkeits-Training MBSR Menschen aus der Krise.

 

Buddhismus aktuell: Linda, kannst Du uns erzählen, wann Du mit MBSR in Berührung gekommen bist und wie sich Deine Arbeit damit entwickelt hat?

 

Linda Lehrhaupt: Es begann damit, dass ich eines Tages im Jahre 1992 Jon Kabat-Zinns Buch „Gesund durch Meditation" gelesen habe ... und es nicht mehr aus der Hand legen konnte. Seine Arbeit, wie er sie in dem Buch beschreibt, und auch sein Traningsprogramm zur Stressbewältigung durch Achtsamkeit (in Fachkreisen bekannt unter dem Namen „Mindfulness Based Stress Reduction Programm", kurz MBSR, d. Red), haben mich seitdem sehr inspiriert.

Mir als Pädagogin fiel sofort auf, dass das Curriculum gut durchdacht ist, dabei kompakt und effektiv. Als Meditationslehrerin hat mich bei diesem Programm angesprochen, dass es großen Wert darauf legt, die Achtsamkeitspraxis in den Alltag zu integrieren. Und als Lehrerin für meditative Körperarbeit schätze ich besonders den Körper-Geist-Ansatz von MBSR.

Nach einem Training in den USA unterrichtete ich dann im Jahre 1994 meinen ersten 8-Wochen-Kurs in Deutschland.

Neben diesen Kursen entwickelte ich dann im Laufe der Zeit ein mehrtägiges MBSR-Seminar, das ich u. a. in verschiedenen Institutionen als Bildungsurlaub, z. B. für Menschen in Sozial- und Pflegeberufen, angeboten habe. Ich begann mich 1997 mit anderen Menschen zu treffen, die ebenfalls MBSR unterrichteten – inbegriffen Kollegen in Belgien und den Niederlanden. Diese wurden später Teil des Dozententeams des Instituts und gemeinsam haben wir das Lehrer-Trainingsprogramm entwickelt, so wie wir es heute anbieten.

 

Wie würdest Du die Arbeit des Instituts für Achtsamkeit und Stressbewältigung, das Du 2001 gegründet hast, beschreiben?


Das Institut bietet eine Weiterbildung zum/r MBSR-Lehrer/in an. Seit 2002 haben sieben derartige Trainings stattgefunden. Ab 2007 werden wir außerdem eine Weiterbildung zum/r MBCT Lehrer/in (Mindfulness Based Cognitive Therapy – Achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie) anbieten. Es handelt sich um ein Rückfallprophylaxe-Programm bei Depressionen, welches auf MBSR basiert.

2006 begannen wir mit einem einjährigen Achtsamkeitstraining. Diese Fortbildung bietet eine praktische Einführung in die Achtsamkeitsmeditation und die Möglichkeit, diese Methode mit einer festen Gruppe über einen längeren Zeitraum zu üben sowie die Achtsamkeitspraxis in den beruflichen und privaten Alltag zu integrieren. Außerdem führt das Institut auch mehrtägige Seminare in verschiedenen Institutionen und Einrichtungen durch. Neben meiner Tätigkeit als MBSR-Ausbilderin und Meditationslehrerin biete ich selbst mehrtägige Schweige-Retreats in Achtsamkeitsmeditation an.

 

Achtsamkeit scheint im Moment sehr in Mode zu kommen. Kannst Du uns aus Deiner Sicht etwas zu dieser Entwicklung sagen?


Das starke aktuelle Interesse an Achtsamkeit hat meiner Ansicht nach im Kern mit einer tiefen Sehnsucht nach Frieden und Harmonie zu tun. Es ist die gleiche Sehnsucht, die Menschen zur Meditation oder zu anderen meditativen Praktiken hinzieht. In dem Maße wie das Stressniveau in der modernen Gesellschaft steigt und auch die Wissenschaft aufzeigt, dass viele Krankheiten und andere Konflikte durch Stress verursacht sind, suchen viele Menschen nach Wegen, die ihnen helfen können, mit den alltäglichen Herausforderungen umzugehen ohne dabei krank zu werden.

In der Medizin, in der Pädagogik und in anderen sozialen Berufen macht sich mittlerweile die Erkenntnis breit, dass wirkliches Lernen und echte Verhaltensänderungen bei Menschen langfristig nur über Einsicht und eigene Erfahrung zu erreichen sind und dass die Stärkung der Eigenmotivation das Wichtigste ist, um einen Veränderungsprozess zu initiieren und zu stabilisieren. Die Praxis der Achtsamkeit ist gut geeignet, diesen Prozess zu fördern, da sie unter anderem die Kultivierung von klarem Sehen, Erkenntnis, Selbstverantwortung, Mitgefühl für andere Menschen und sich Selbst sowie einen gesunden Prozess der Selbstbeobachtung stärkt.

Ich habe kein Problem damit, dass Achtsamkeit in Mode ist. Für mich ist die Frage eher, wie kann ich am besten dazu beitragen, den Wunsch nach innerem Frieden, zu erfüllen. Da ist für mich das Angebot des Achtsamkeits-Trainingsprogramms und die Ausbildung von MBSR-LehrerInnen ein Weg, diesen Prozess zu unterstützen.

 

Warum nehmen Menschen an einem Kurs teil, das in seinem Kern aus einem intensiven Achtsamkeitstraining besteht?


Alle Menschen, die sich für einen Kurs anmelden, leiden in der einen oder anderen Form. Manche haben eine akute Krankheit oder chronische Gesundheitsprobleme wie Magen-Darmbeschwerden, Kopfschmerzen etc. Andere suchen einen Weg zum Umgang mit Stress, der durch familiäre oder berufliche Probleme verursacht wird oder durch beides zusammen. Sie leiden und suchen nach einer Befreiung von ihren Leiden. Für manche steht die Teilnahme an einem MBSR-Kurs am Ende einer langen Reihe von Behandlungsmethoden oder Wegen, die sie bisher ausprobiert haben.

Viele Teilnehmer spüren intuitiv, dass ein Trainieren und Kultivieren von Achtsamkeit ihnen helfen wird, mit ihren Problemen anders umzugehen und mit der Krankheit zu leben und nicht „trotz der Krankheit". Die Menschen möchten eine Praxis erlernen, die es Ihnen erlaubt an sich selbst zu arbeiten, ihre eigenen inneren Stärken zu nutzen und ihr Leben so vollständig wie möglich zu leben. "Mit euch ist mehr in Ordnung als nicht in Ordnung" – mit dieser Aussage beginnt Jon Kabat-Zinn häufig seine Kurse. Statt in einer passiven Rolle zu verharren oder sich selbst als Opfer wahrzunehmen, bietet MBSR die Möglichkeit, aktiv an der Gestaltung unseres Lebens teilzuhaben, egal mit welchen Problemen wir konfrontiert sind.

 

Kannst Du uns mehr zu MBCT erzählen und wie das Training in Achtsamkeit dabei helfen kann, Rückfälle in eine Depression zu verhindern?

 

Die Achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie ist ein Therapieverfahren, dessen Ziel es ist, Personen vor einem depressiven Rückfall zu schützen. Sie kombiniert Elemente aus MBSR mit Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie in einem 8-Wochen-Kurs. Das Programm richtet sich an Personen, die akut nicht depressiv sind, aber bereits mehrere depressive Episoden erlebt haben. Eines der Kernprobleme dabei ist, dass auch nach Abklingen einer akuten Episode das Risiko eines erneuten Auftretens der Depression hoch ist. Je häufiger die Patienten einen Rückfall bekommen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie erneut an einer Depression erkranken.

 

Da sich bei depressiven Menschen die Gedanken häufig verselbstständigen und wie von einem „Autopiloten“ auf Einbahnstraßen gelenkt werden, lernt man im Achtsamkeitsprogramm, aus diesen Gedankenschleifen auszusteigen und sich ins Hier und Jetzt zurückzuholen.

 

Wissenschaftliche Studien über Behandlungen durch die Methode der Achtsamkeit erscheinen in zunehmender Zahl. Kannst Du kurz zusammenfassen, in welchen Bereichen diese Forschungen stattfinden?

 

Es ist wirklich aufregend, in welchem Umfang hier in den letzten 25 Jahren und vor allem in den letzten zehn Jahren Forschung betrieben wurde, vermehrt auch im deutschsprachigen Raum. Es gibt oder wird in Kürze Studien zu MBSR, MBCT oder verwandten Interventionen in Bezug auf Krebserkrankungen, Fibromyalgie, MS, Schuppenflechte, Herzrhythmusstörungen, Schlaflosigkeit, HIV-Patienten, Rheuma, Chronische Schmerzen und Burn-Out geben.

 

Es gibt auch Studien zu achtsamkeitsbasierten Ansätzen in Strafanstalten, Seniorenheimen, in Schulen, für Personen, die in psychotherapeutischer Behandlung sind etc.

 

Kannst Du uns auch etwas über die Leute erzählen, die sich von Deinen Ausbildungsprogrammen angezogen fühlen?

 

Eine Gemeinsamkeit, die alle unsere Teilnehmer haben ist, dass sie ihre Praxis der Achtsamkeit mit anderen teilen möchten. Viele beginnen aus dem gleichen Grund, aus dem ich damit begonnen habe. Sie sehen, dass MBSR und andere achtsamkeitsbasierte Ansätze eine wunderbare Möglichkeit bieten, die eigenen Meditationserfahrungen mit der beruflichen Arbeit zu verbinden. Unsere Trainées haben die Vision, dass Achtsamkeit den Menschen dabei helfen kann ein vollständigeres und lebendigeres Leben zu leben, auch dann, wenn sie Schmerzen, Stress oder Krankheiten haben. Es geht also um die Motivation, das Leiden zu lindern.

 

Die Teilnehmer an unseren Trainingsprogrammen kommen beruflich gesehen im Allgemeinen aus Bereichen des Gesundheitswesens, der Sozialarbeit und der Erziehung. Viele arbeiten seit 15 oder 20 Jahren in ihren Berufen. Die meisten haben Meditationserfahrung innerhalb einer der folgenden Traditionen: Vipassana, Zen, Tibetischer Buddhismus, kontemplative Richtungen und/oder Yoga.

Die Teilnehmer der MBSR-Ausbildungen sind zwischen 30 und 65 Jahre alt.

 

Es gibt neben den meisten, die sich im mittleren Altersspektrum befinden, zwei interessante Gruppen.

 

Die einen sind um die 30 Jahre alt, manche davon noch in der beruflichen Ausbildung z. B. als Arzt oder Ärztin. Die andere Gruppe besteht aus Menschen ab 55, die MBSR unterrichten möchten, weil sie langsam ihre Arbeit reduzieren oder schon pensioniert sind und ihre zweite Lebenshälfte dem Unterrichten von MBSR widmen möchten.

 

Das Dozententeam des Instituts fühlt sich geehrt, mit solch erfahrenen und engagierten Menschen arbeiten zu können.

 

Was ist aus Deiner Sicht das Heilsame an der Praxis der Achtsamkeit?

 

Das ist eine gleichermaßen spannende und schwierige Frage. Viele Forscher sind damit beschäftigt, dies auf wissenschaftliche Weise zu untersuchen. Solche Studien sind wichtig, wenn wir Achtsamkeitsprogramme zum Wohle aller in die Gesellschaft integrieren möchten.

Ich möchte hier einige Ideen präsentieren, die sich aus der Arbeit als MBSR-Lehrerin und aus meinen Beobachtungen und Erfahrungen ergeben. Durch die Praxis der Achtsamkeit entwickelt man eine Haltung der Akzeptanz, die Zugang zu einer liebevollen, entspannten und wertfreien Begegnung mit sich selbst, mit dem Körper, den Gefühlen und Gedanken ermöglicht. Diese Haltung wird von vielen Teilnehmern als sehr heilsam und entlastend erlebt und reduziert Stress. Durch das Üben einer nicht wertenden Präsenz des Bewusstseins im gegenwärtigen Augenblick wird die Fähigkeit kultiviert, die Dinge klarer zu sehen und bewusster zu handeln. Bringt man Achtsamkeit in automatische Prozesse wie Gefühls- oder Verhaltensmuster, bewirkt das, dass die Unbewusstheit verschwindet. Das geschieht auf dieselbe Weise, als wenn wir in einem dunklen Raum das Licht anmachen. Ich glaube, dass das Zusammenspiel der drei Säulen von Einsicht, Selbstverantwortlichkeit und Freundlichkeit zu sich selbst das heilende Potenzial der Achtsamkeit ist.





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