Achtsamkeit

Interview mit Dr. Linda Lehrhaupt

Mai 2010

Warum ist denn der Begriff Achtsamkeit plötzlich so aktuell geworden?


Die WHO erklärte vor kurzem Stress zu einem der größten Gesundheitsgefahren für das 21. Jahrhundert.  Wir alle müssen uns daher der Frage stellen, wie wir mit den zunehmenden Stressbelastungen und Herausforderungen des modernen Lebens umgehen können. Wie können wir in den zahllosen hektischen Situationen des Alltags den Zugang zu unseren eigenen Ressourcen und Kräften finden und bewahren?
Die Methode der Stressbewältigung durch Achtsamkeit bietet hierfür ein bewährtes Selbsthilfeprogramm, dessen gesundheitsfördernde Wirkung durch zahlreiche internationale Studien belegt ist. Diese Methode wird weltweit im Gesundheitsbereich eingesetzt und immer mehr Menschen wenden die nützlichen und effektiven Übungen in ihrem Alltag an. Die Achtsamkeitspraxis ist ein wirksames Anti-Stress-Programm, um das tägliche Leben mit seinen Herausforderungen besser bewältigen zu können. Sie bietet hierfür praktische Lösungen im Umgang mit Stress, schmerzhaften Emotionen, körperlichen Schmerzen und schwierigen Kommunikationssituationen. 

Wie sind sie selbst zum Thema Achtsamkeit gekommen?

I began the practice of mindfulness in 1979 as a result of a difficult personal crisis. I was 28-years-old and my mother had just died from cancer. I was also the mother of a three-month old baby daughter and the caretaker for my father, who was severely handicapped and dependent on me for his care.  I was working full-time, as was my husband. I felt completely overwhelmed and did not know how I would be able to handle all the responsibilities life presented to me. One day  I read the story of a man who described how mindfulness practice had  helped him cope with his wife’s death and the raising of his own son. I had no idea what mindfulness practice was, only the hope it might help me, and so I joined a class and received instruction. It’s now over thirty years since I began to practice.Above all, mindfulness practice has helped me to have the courage and presence to not run away from my life, but to engage and live it with as much patience, integrity and clarity as possible. And to be kind to myself when it does not always turn out the way I would like it to.

Wie kann man Achtsamkeit lernen?


Entscheidend für die Übungspraxis der Achtsamkeit sind die Fragen: „Was geschieht gerade jetzt? Was spüre ich? Was nehme ich wahr?“ Der Körper spielt hierbei eine entscheidende Rolle, denn es ist der Körper, der uns immer wieder in den Augenblick führt. Fragen Sie sich deshalb immer wieder: „Was fühle ich gerade in meinem Körper? Was sagt mir mein Körper über die Gefühle, die ich jetzt gerade habe?“ Der Fokus auf den Augenblick bringt uns zurück in unser eigenes Leben. Denn wenn wir unsere Gedanken beobachten, müssen wir feststellen, dass wir die meiste Zeit über die Vergangenheit nachdenken, die wir sowieso nicht mehr ändern können, oder dass wir bereits mit unseren Gedanken in der Zukunft weilen, auf die wir letztlich doch keinen Einfluss haben. Das Leben aber geschieht immer jetzt, in diesem Augenblick. Je mehr es uns gelingt, ganz gegenwärtig zu sein und uns mit all unseren Sinnen für den Augenblick zu öffnen, wird unser Leben von einer bis dahin ungeahnten Intensität erfüllt. Achtsamkeit, so können wir wirklich sagen, ist der Schlüssel zu unserem Lebensglück. 

Wer ist denn dafür prädestiniert dafür, achtsamer zu sein? Was sind die Anzeichen für Unachtsamkeit?


Wir alle neigen zur Unachtsamkeit. Die Zerstreutheit ist eine Begleiterscheinung des modernen Lebens. Es erfordert daher Übung, Achtsamkeit in unserem Leben zu entwickeln. Es ist eine Entscheidung, die wir in jedem Augenblick unseres Lebens treffen können. Die Praxis der Achtsamkeit zeigt uns Wege aus der täglichen Zerstreutheit, lehrt uns innezuhalten und immer wieder  die entscheidenden Fragen zu stellen: „Bin ich gerade wirklich anwesend in meinem Leben? Wie intensiv lebe ich den Augenblick?“  Professor Dr. Jon Kabat-Zinn, der Begründer der Methode „Stressbewältigung durch Achtsamkeit“ sagte etwas sehr Tröstliches für uns zerstreute Zeitgenossen: „Der Augenblick, in dem Sie erkennen, dass Sie nicht achtsam sind, ist ein  Augenblick höchster Achtsamkeit.“

Welche Menschen kommen zu Ihnen, um Achtsamkeit zu lernen?


Häufig sind dies Menschen, die ganz plötzlich erkannt haben: „So kann es nicht mehr weitergehen.“ Es sind Menschen, die die Notwendigkeit erkannt haben, anzuhalten und die Richtung zu ändern. Menschen, die durch den Dauerstress in Beruf und Familie den Kontakt zu sich selbst verloren haben und eine tiefe Sehnsucht verspüren, bei sich anzukommen und wieder durchatmen zu können.  Es sind häufig Menschen, die sich einem entscheidenden Wendepunkt ihres Lebens befinden und solche,  die nach Wegen aus einer Lebenskrise suchen. 
Es kommen Menschen, die nach neuen und effektiven Methoden suchen, um mit dem Stress in ihrem täglichen Leben umzugehen. Es kommen gesunde Menschen, die nach Möglichkeiten der Entspannung suchen, um stressbedingten Erkrankungen vorzubeugen und es kommen ebenso kranke Menschen, da die Methode der Stressbewältigung durch Achtsamkeit bei vielen Krankheiten heilende Wirkungen zeigt. 
Zusammenfassend ist zu sagen: Alle Menschen, die zu uns kommen, sind davon motiviert, Zufriedenheit und Glück in ihrem  Leben zu finden und zu erfahren. 

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